BAROCKE TODESSEHNSUCHT UND HIMMLISCHE KLÄNGE
Kirche Aumühle
An Weihnachten erscheint Christus auf dieser Erde. Die Zeit nach dem Weihnachtsfest dient dazu, dass die Menschen in dem kleinen Kind auch den Herrn der Welt erkennen mögen. Erst diese Erkenntnis ermöglicht den Glaubenssuchenden zu verstehen, dass Gott durch Christus in der Welt ist. Das Lukasevangelium erzählt gleich nach der Geburt Jesu von dem alten Simeon, der vor dem Tempel auf den Erlöser der Welt wartet. Er erkennt in dem kleinen Jesus den Retter der Welt und spricht: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ (Lk 2, 29.30) In der Bachkantate „Ich habe genug“ wird dies wunderbar thematisiert. Jener, der von Christus einmal erleuchtet worden ist, hat kein Problem mehr damit, wenn die Welt um ihn zusammenbricht. Selbst, wenn ihm alles am Ende zu sein scheint, er weiß, dass er von Christus gehalten ist, hier und immer. Diese Kantate ist deshalb so besonders, weil sie nicht den Kampf zwischen der von Christus schon berührten Seele und der Leiblichkeit thematisiert. Die Seele will zum Guten führen, der Leib hält in Gottesferne. BWV 82 „Ich habe genug“ ist geprägt durch die Befreiung von allem Irdischen durch die einmalige Berührung mit Christus. Wer Christus hat, braucht nichts Anderes mehr zum Leben: er hat genug zum Leben. Das gibt die Kraft, alles loslassen zu können, was herabziehen oder misslingen kann. Der Geist trauert nicht mehr verlorenen Chancen nach oder grämt sich wegen Misslungenem. Im Licht der Ewigkeit darf er alles vergessen. In der letzten Arie heißt es „Ich freue mich auf meinen Tod, / Ach, hätt er sich schon eingefunden.“ „Ich habe genug“ ist nicht Ausdruck barocker Weltflucht und Weltmüdigkeit. Der Sänger hat nicht „genug“ von der Welt, sondern er hat mit Christus genug um zu leben. Deshalb fehlt bei dieser Kantate auch der sonst übliche Schluss, der mit einem Choralgesang alle wieder einstimmen lässt in die Gemeinschaft der Heiligen, der Glaubenden und Glauben Suchenden. Der Dichter der Kantate (vermutlich der Bachschüler Thomas Brinkmann) sagt uns: Wer Christus hat, hat alles was er braucht.